Borderliner

0288: Die harte Liebe – das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Die harte Liebe – das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Die Verbindung mit meinem drogensüchtigen Sohn
habe ich abgebrochen,

er war immer nur in Abwehrposition und hat mir sehr weh getan.
Darf ich mich so abweisend verhalten, weil ich mich schützen möchte?

Elia

Zu Gast ist Vera.

Vera: Die Verbindung mit meinem drogensüchtigen Sohn habe ich abgebrochen, er war immer nur in Abwehrposition und hat mir sehr weh getan. Darf ich mich so abweisend verhalten, weil ich mich schützen möchte?

Elia: Ja, auch weil du ihn schützen musst. Nein, nicht vor dir, sondern davor, dir gegenüber immer mehr in die Position des Schuldners zu geraten.

Es ist die harte Liebe, die du jetzt liebst. Nichts in der Welt ist schwieriger: Lieben und hart sein müssen!

Oh, es ist so leicht, zu lieben, wenn man zärtlich sein darf. Wenn man Nähe herstellen darf, wenn man Verständnis zeigen darf und Milde walten lassen kann.

Erinnerst du dich an das Gleichnis des verlorenen Sohnes?

Ich möchte es dir erzählen: Da ist ein reicher Mann, der hat zwei Söhne. Der eine Sohn ist sehr fleißig, er hilft seinem Vater, wo er nur kann. Er sorgt für Vieh und Leute, er bearbeitet das Land und ehrt seinen Vater.

Da ist ein anderer Sohn: ein zorniger, junger, wilder Mann. Alles ist ihm zu viel, nichts ist ihm richtig und gar nichts ist etwas wert. Und eines Tages kommt der Mann in seiner Wildheit auf die Idee: Vater, zahl mir mein Erbe aus, auf dass ich in die Welt gehen kann.

Das tut er, der Vater, er tut´s und er weiß genau, was kommt. Er weiß, dieser Sohn hat kein inneres Gesetz, das ihn hält. Dieser Sohn hat nicht die Fähigkeit, zwischen guten Menschen und leichtfertigen Menschen zu unterscheiden. Er weiß, dieser Sohn kennt kein Pflichtgefühl und kennt keine Bindung.

Dieser Sohn hat nur eins: eine große Sehnsucht danach, sich selbst zu erproben. Und er weiß, dass diese Probe erbärmlich scheitern wird. Dennoch hat er die Härte, ihn gehen zu lassen.

Der junge Mann kommt, wie zu erwarten war, in schlechte Gesellschaft. Und solange er das Geld seines Vaters hat, ist er beliebt, aber dann ist es vertan und er hat nichts mehr: Keine Freunde, keine Chancen, kein Zuhause, nichts. Hat sich erprobt und ist an sich gescheitert.

Dieser Sohn kehrt zurück an den Hof seines Vaters, niemand erkennt ihn. Nichts von seiner Schönheit ist geblieben, eine erbarmungswürdige Gestalt.

Und er tritt vor seinen Vater und sagt: Vater, ich will nichts, ich bitte dich nur darum, dass ich hier bei dir arbeiten darf und wenn es dir gefällt, so ist mir auch ein Nachtlager bei den Schweinen recht. So tief ist er gefallen in seinem Selbstwert!

Da umarmt ihn der Vater und er lässt ein riesiges Fest ausrichten. Nicht, weil der Sohn heimgekommen ist, sondern, weil der Sohn endlich begriffen hat, dass er wirklich, wirklich sehr viel mehr lernen muss, dass er wirklich mit all seinen Ideen von Freiheit, Verantwortungslosigkeit und Gier gescheitert ist.

Der andere, brave Bruder ist ungehalten darüber. Für ihn wurde nie ein Fest gefeiert, für ihn wurden nie die besten Tiere geschlachtet und alle Nachbarn eingeladen.

Dieses Gleichnis erzählt Jesus und er sagt: So ist Gott. Wer seinen Vater verlassen will, der verlässt ihn. Der wird nicht gehalten, der wird nicht gezwungen, der wird auch nicht manipuliert. Sondern er darf ziehen und seine Erfahrungen mit sich selbst machen.

Aber wenn er die gemacht hat und zurückkehrt und dann einsieht, dass er zu lernen hat, dann wird er gefeiert wie kein anderer. Vera, wenn du deinem Sohn in seinen Bedürfnissen gefolgt wärst, hättest du seine Gier, seine Pflichtlosigkeit und sein Unwillen, sich zu binden, gefördert.

Dann hättest du ihm die Mittel gegeben, immer weiter und immer weiter in seine Torheit zu geraten. Das darfst du nicht tun!

V: Danke, Elia. Das ist wunderbar, das kann ich sehr gut verstehen. Das habe ich gebraucht, dass ich so eine Art Belohnung kriege, weil: Die Menschen um mich herum kommen mit meinem Verhalten überhaupt nicht klar. Und irgendwie ist in mir drin noch ein schlechtes Gefühl gewesen. Es tut sehr gut.

E: Du darfst nicht anders, er hätte – und das weißt du selber – das Konflikthafte zwischen euch immer weiter und immer weiter gespielt. Er hat keine Grenze mehr gesehen!

Und er hätte, je grenzenloser du geworden wärst, umso mehr alle Grenzen des Menschlichen überschritten. Damit hättest du ihn durch deine Schwäche zum Täter gemacht! So aber kann er an dir nicht schuldig werden, jetzt nicht!

Weißt du, was es bedeutet, an der eigenen Mutter Täter zu sein? Das ist eine furchtbare Last für eine Seele! Ganz egal, wie reif oder unreif eine Seele ist, das ist furchtbar und zieht sich in aller Regel über viele Generationen und über viele Inkarnationen hinweg.

Das hat etwas Fluchhaftes an sich und darf nicht sein! Du bewahrst in davor, indem du dich distanzierst.

Er weiß, dass er, wenn er sich ändert, eine liebende Mutter hat, das weiß er.

Aber erträgt die liebende Mutter nicht! Denn die ist nicht lieb, sondern liebt ihn.
Sie ist die Einzige, die Einzige, die nicht davon überzeugt ist, dass er ein Schwächling ist, der nichts taugt.

Sie ist die Einzige, die auch seine Stärke, seinen Mut und seine Kraft sieht.
Sie ist die Einzige, die seiner Seele widerspricht, seiner Seele, die sagt, ich bin nichts wert.

Darum flieht er dich, darum provoziert er dich, wann immer er dich sieht. Du bist die Letzte, die sagt: Du bist eine gute Seele, im Kern bist du gut, lass es zu! Deshalb feindet er dich an! Verstehst du jetzt den Konflikt?

V: Ein bisschen verstehe ich es.

E: Dann frag mich, wenn du Fragen hast.

V: Es fällt mir halt schwer, die Verbindung zwischen ihm und mir überhaupt im Moment wahrnehmen zu können.

E: Weil es dich sonst zu sehr schmerzt! Du schützt dich so selbst, erlaubst du es dir…

V: …zu spüren, dass unsere Liebe uns verbindet?

E: Nein. Erlaubst du dir, das jetzt eine Zeit lang mal nicht zu spüren?

V: Ja.

E: Denn sonst wirst du diese Härte, die doch Liebe ist, nicht mehr halten können. Er wird eines Tages wieder da sein! Er wird dich wieder bitten. Achte darauf, dass es keine Manipulation ist. Begreife bitte: Er hat im tiefsten Sein seiner Seele und alle anderen auch Gott selbst in sich. Aber Torheit, Gier und der unbändige Wunsch, sich an nichts und niemanden zu binden, bestimmen derzeit sein Tun. Und solange dies so ist, solange musst du hart sein.

Weißt du, was Reue ist? Wahre Reue ist kein Lippenbekenntnis!

V: Es ist schmerzhaft, sehr schmerzhaft.

E: Ja. Aber es ist der einzige Weg, sich selbst zu korrigieren. Und ehe dies nicht da ist, kannst du nicht anders, als hart sein.

Eines noch zum Abschluss: Jetzt brauchst du einen emotionalen Schutz gegenüber deinem Sohn. Aber, Vera, das ist wichtig: Stell dir vor, dein Herz wäre ein Haus und es hätte viele Zimmer.

In diesen Zimmern, da sind Lieben zu allen Menschen, die du je geliebt hast und je lieben wirst. Jede Liebe hat ihr Zimmer! Die haben alle einen festen Mietvertrag. Die haben nicht nur Mietrecht auf Lebenszeit, die haben Mietrecht auf Ewigkeit.

Aber er gibt Zimmer, die musst du leider verschlossen halten, das ist sehr bedauerlich, aber es geht nicht anders, zum eigenen Schutz, manchmal auch zum Schutz der anderen.

Dein Sohn hat auch ein Zimmer! Die Liebe zu ihm hat auch Wohnrecht auf Ewigkeit, aber du musst die Tür zurzeit geschlossen halten.

V: Danke schön, Elia.