Borderline

0342: Das Er – Leben mit Borderline

Gastbeitrag:
Das Er – Leben eines Menschen mit Borderline

Vielleicht möchte ich es nicht nur, sondern muss es euch schreiben, weil bei Euch der richtige Platz ist?

Ich hoffe, dass es in Ordnung ist, dass ich nicht aufdringlich bin, wenn ich Dir schreibe.
Ich weiß gut, dass ich aufdringlich bin, hoffe aber, dass ich es im Rahmen des Erträglichen bin.

Das, was hier geschrieben wird, ist fragmentarisch, ungeordnet.

Ich weiß, Dass Du (ich sag‘ jetzt einfach „Du“, ist das in Ordnung?) keine Bezugsperson sein kannst, darum geht es ja auch nicht.

Du weißt soviel über Borderline, dass ich dachte, ich schreibe noch ein bisschen. Du brauchst natürlich nicht antworten, dass ist so klar wie eine geklärte Kloßbrühe, Du brauchst es nicht einmal zu lesen. Also frei.

Weißt Du, dass mir die meisten Menschen, selbst wenn sie mich lange kennen, nicht glauben, wenn ich erzähle
„Mir geht es nicht so gut?“
Sie sagen: „Du siehst so gut aus, du hast solch‘ glänzende Augen, du lächelst, als ob du das große Los gezogen hast“.

Innerlich schreie, heule ich oder habe nur Angst und weiß nicht, was sonst. Ich nenne das: Maske.

Aber sie scheint naturgetreu zu sein. Schauspielern.

Man guckt, wie das bei anderen Menschen ausschaut.

Ich hasse diese Maske, ich wäre gerne echt.
Weißt Du, ich bin 28 Jahre alt.
Und fühle mich alterslos.
Vorgestern war ich drei (da hat mein Vater …).
Vor einer Stunde war ich in der ersten Klasse…
Und wurde dann elf Jahre gehänselt (heute würde ich dazu „gemobbt auf’s Bitterste“ sagen).

Vor einer Stunde hat der Pflegevater und da war noch so ein Mann im Auto und ein Schauspieler und der …
Das war vor kurzem.
Es ist so zeitlos.
Ich habe kein Gefühl für mein Alter.
Ich bin kindisch, meistens meinungslos und desorientiert, verwirrt.

Es ist alles eine Luftblase, so eine schleimige, unförmige Masse.
Der feste Boden ist schwankend und besteht aus Nebel.
Mein Gesicht ist das einer Puppe mit einem Dauerlächeln.

Ich bin cool, kann trockene Witze machen und bin fröhlich, eifrig, lebenslustig/-froh.

Du hast recht damit, wenn Du sagst, dass man versucht, Reaktionen hervorzurufen, um an eigene Gefühle zu kommen, oder um wenigstens welche sehen können.

Man kann an den Reaktionen sehen, dass man ein sichtbarer Mensch ist, ein Mensch, kein Geist ohne Materie.

Weißt Du, das Schneiden ist nicht nur Schmerz fühlen, sondern Heulen, Tränen, warmes Blut, welches herausrinnt, Lebendigkeit.
Es geht nicht unbedingt um den Schmerz, sondern um das Blut und dass es schlimm aussieht.
So wie das Innere.
Es geht nicht darum, dass es genäht werden muss (auch wenn das meistens der Fall ist – oh, hochnötliche Peinlichkeit!).

Sondern dass das Innere und das Äußere synchron sind.
Und wenn das Innere nicht so recht fühlbar ist, so soll es zumindest sichtbar werden.

Und wenn der HB-Wert auf 9 oder 6 oder 4 ist, dann fühlt sich der Körper matt an.
Und man kann dagegen ankämpfen.
Wenn ich ehrlich bin, ich möchte keine andere Methode lernen, um nicht zu schneiden. Doch, klar will ich, dass das alles, das Schreckliche zu Ende ist.
Aber ich möchte nicht lernen, ein Kilo P.-Schoten zu essen, um nicht zu schneiden.

Ist das schlimm und böse? Wahrscheinlich.

Aber das Schneiden hat auch einen anderen Aspekt: Wenn der Drang, sich umzubringen, übermächtig wird und man vor einer Kurzschlusshandlung steht, die schief gehen könnte, in die andere Menschen involviert werden, wenn es gefährlich wird und es nicht mehr bewusst geschieht.

Wenn man nicht mehr klar denkt, so als ob etwas einen zieht und schiebt – ach, wo sind die Worte, dann hilft das Schneiden.

Oder: Schwester verprügeln.
Oder: Vater provozieren, bis er schlägt.

Man weiß dann nicht nur, dass man schlecht und böse ist, sondern man bekommt es bestätigt:
Klarheit.

Worte: Ironie, Sarkasmus, Zynismus.
Das trifft.
Besserwisserei (obwohl, dass ist eher ein Versuch, vor anderen zu bestehen, nicht vor anderen in ein Mauseloch kriechen zu müssen. Das ist eine Art von Verteidigung, da alle alles besser wissen und gebildet sind.).
Überheblichkeit.

Und die Schuld, die man hat? Was ist das?

Die Strafen?
Das Gefühl, nackt zu sein, obwohl man wie eine Zwiebel angezogen ist?
Die nächtlichen Alpträume?
Der Ekel?
Der Selbsthass?
Zerstörungswut, den Körper zerstören, massakrieren?

Und dabei kann man von oben zuschauen. Man beobachtet sich die ganze Zeit.

Wenn man schauspielert, lächelt.
„Wie wirke ich?“
Wirke ich: Kultiviert?
Gebildet?
Man beobachtet sich.

Man richtet sich die Wohnung nicht für sich schön ein, sondern, damit sie anderen gefällt.
Man bringt sich nicht um, um andere nicht zu ärgern, um denen keine unschöne Arbeit zu machen.

Es ist Wochenende, man nimmt sich vor, einen gemütlichen Lesenachmittag zu machen.

Mit leckerem Tee, auf dem Balkon. Und?
Rate mal.
Der Tee schmeckt nicht, obwohl er lecker ist…
Es ist ungemütlich, obwohl es doch gemütlich sein müsste…
Es stimmt doch alles.
Man hat doch alles, was man braucht.

Und man MÖCHTE es GENIESSEN!
Und es GEHT NICHT.
Verstehst Du das?
Man hat alles!
Und ist so UNDANKBAR!!!!!

Man möchte doch so gerne ein normaler Mensch sein. Ausgeglichen.
Ach, und diese Anspannung.

Ich glaube, dass das die Angst ist.

Denn die äußeren Symptome stimmen: Kalter Schweiß.
Herzklopfen bis zum Hals.
Unregelmäßigkeit.
Und man atmet nur dann, wenn es unbedingt nötig ist.

Ich könnte noch so viel schreiben, aber das ändert die Welt und die Situation auch nicht.
Außerdem ist es Dir bestimmt sehr lästig und nervt Dich.

Das tut mir leid.
Ich versuche immer, nicht zu klagen und zu jammern, aber meistens gehen mir die Gäule durch.