Anhaftung

0456: Beseitigung einer Anhaftung durch Gustav

Die Beseitigung einer Anhaftung durch Gustav

Das Team


Elia: guten Morgen, liebe Freunde.

Hajo: guten Morgen, Elia.

Andreas: Hallo.

E: Ich möchte, dass wir ohne Verzögerung an die Arbeit gehen.

H: Ja.

E: Andreas, die Seele, um die es sich handelt, ist sehr hartnäckig, aber es gibt eine Stelle, an der du versuchen kannst, sie zu überzeugen.
Und ich möchte, Hajo, dass Andreas die Verhandlung hier führt.

H: Mhm.

E: Andreas, diese Seele wird versuchen, zu argumentieren und ich schlage vor, dass du als einziges Gegenargument mit aller Klarheit das „Vater Unser“ ins Feld führst.
Verstehst du, was ich meine?

Sie wird versuchen zu beweisen, dass sie größer ist als Gott.
Sie wird versuchen zu beweisen, dass Gott jeden Säufer im Stich lässt, verwirft und in die Hölle wirft.

Ja?

A: ja.

E: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name –
das ist genau das Gegenteil von dem, wovon sie überzeugt ist.

Ja?
Sie glaubt nicht an die Vaterschaft Gottes zu allen Menschen und das, das mag der Hebel sein, mit dem du sie in eine demütige Position bringen kannst, vielleicht sogar die Möglichkeit, sie ins Licht zu führen.
Wir werden sehen.

Ich ziehe mich zurück.

H: ja.

Uta?

U: Mhm.

H: Es geht um Heinz.
Was brauchst du von ihm? Geburtsdatum?

U: Nichts, ich hab ihn schon.

Ich sehe seine Hände, die sind sehr unruhig, verschwitzt.
Er versucht einen Stift zu halten, aber es ist kaum möglich, dass er schreibt.
Ich sehe auf eine Schreibtischplatte, ich sehe hinaus.
Da ist ein Fenster, es kommt relativ helles Licht herein.
Ein Bild an der Wand.
Ich sehe die Räder eines Rollstuhls, die sind wie blockiert, aber die sind gar nicht blockiert,
ja das ist…

H: Was ist?
Uta?

U: Ich sehe den Heinz und mit ihm verwoben ein Anderer.

H: Was ist das für einer, ein Jüngerer?

U: Nein es ist ein Älterer.

H: Ein Älterer, mhm.

U: Ein aufgedunsenes Gesicht, ziemlich klobig, schwerfälliger Typ.
Er hat einen Schnauzer, er ist dick, hat auffallend kleine Füße, er trägt … das sind Teile von einem Anzug, aber altmodisch, eine Taschenuhr.
Der weiß, dass ich da bin.

H: Mhm, ja.

U: Er weiß, dass ich da bin, aber er ist sehr arrogant, er führt mir gerade in diesem Augenblick vor, wie einfach das ist, in den Heinz zu gehen.

Er grinst, er macht mir vor, welchen Gedanken er Heinz gibt. Das ist immer der Gleiche:
„Du kannst nicht anders.
Du kannst nicht anders.“

Dabei grinst er, hämisch, boshaft.
„Du kannst nicht anders. Gib’s zu, du kannst nicht anders.“

Heinz Seele weint, sie weint so sehr.
Sie kommt aus diesem, dass er’s nicht anders kann, nicht raus.
Er weiß ganz genau, dass das nicht stimmt, aber er kommt da nicht raus.
Er kommt aus diesem Satz nicht raus.
Er kämpft so.
Er schiebt das weg.
Der Typ macht ihm Bilder, er macht ihm den Geruch von Alkohol.
Er kämpft wirklich mit allen fiesen Tricks.

Da kommt immer wieder: „Es ist ganz einfach. Du bist kein Alkoholiker, es ist ganz einfach. Du kannst jederzeit aufhören. Es ist ganz einfach.“

Und Heinz Seele weint.
Er will das nicht.
Dieser Mann benimmt sich wie ein Zirkusdompteur, er führt mir vor, wie einfach es ist für ihn.

Ah, ich bekomme den Namen Gustav.

A: So, so, Gustav, ja?

U: Jetzt ist er überrascht, mit dir hat er nicht gerechnet.
Er beschwert sich.
Er sagt, von dir war keine Rede hier.

A: Ach? Überraschung.

U: Er will mit dir nichts zu tun haben, er will mit Hajo reden.

A: Nein, wir reden.

U: Das war nicht abgemacht, er will mit Hajo reden.

A: Pass auf, Gustav, du hast eine einfache Wahl:
Wir reden, siehst du den Stein …

U: lächerlich …

A: Mhm, was tust du da?
Warum tust du diesem Menschen das an?

G: „Je schneller sie wissen, dass sie in die Hölle kommen, umso besser ist das.“

A: Hölle..

G: „Ja, natürlich.“

A: So so, du glaubst also an die Hölle?

U: Er schreit, er schreit, er ist in der Hölle.

A: Nein.

U: Er schreit, er ist in der Hölle.
Alles wegen ihm, alles wegen ihm.
Er wird so wütend.
Er schmeißt alles vom Schreibtisch runter, er rast vor Wut.
Er wird an irgendetwas erinnert.
Die Hölle, sagt er, hat er schon.

A: Wie kommst du darauf?

U: Ich bekomme nur Bilder.
Eine Frau, sehr dünn, ich glaub, die hatte Schwindsucht.
Ich sehe sie husten, Blut spucken, zwei Kinder dabei, das Gleiche.

Sie müssten reich sein, das ist eine Villa, in der er wohnt.
Ich denke, es ist seine Frau und seine Kinder.
Aber sie sind arm, sie hungern.

Ach, er zeigt sich, das ist in einem Lederstuhl vor einem offenen Kamin und trinkt und trinkt und trinkt.
Ich weiß nicht, welchen Zusammenhang das hat.
Aber ich glaube, das ist wichtig.
Das ist ganz schlimm gewesen.

A: Du hast deine Familie verloren.

G: „JA.“

A: Eine schlimme Krankheit.

G: „Versoffen.“

A: Versoffen …

G: „Ja.“

A: Raus aus Uta.

H: Uta, nur Reporterstil.

U: Versoffen, ja, er hat, er hat sein ganzes Vermögen im Suff aufs Spiel gesetzt und verloren.
Er lastet sich den Tod seiner Frau und seiner Kinder an.

Er behauptet von sich, eine Höllengeburt zu sein.
So muss es gewesen sein, sagt er.
Er muss eine Höllengeburt gewesen sein.

A: Wie kommst du darauf?

U: Ja, wie hätte er das denn sonst fertig kriegen können?
Er hat sie doch geliebt.

A: Du warst krank.

U: Er nicht.
Du verstehst das falsch, sie und Klara und der kleine Gustav.
Er war gesund, er war immer gesund.

A: Nein, so viel Alkohol ist nicht gesund.
Du hattest Angst, nicht wahr?
Viel Angst, Angst zu verlieren und dann verlorst du.

U: Nein, er hat nie Angst gehabt.
Er war ein starker Mann.
Aber er war eine Höllengeburt.
Gott hat ihn ausgespuckt.

A: Gott, ja?
Der Vater?

U: kein Vater, kein Vater für ihn.
Nein, nein, nein, so ein Kind hat Gott nicht.

A: Und warum tust du Heinz dasselbe an?

U: Je schneller, desto besser.
Es ist besser, man weiß es vorher, bevor man stirbt.
Er weint, dieser zynische, laute Mann weint.

A: Gustav, ich würde dir gern etwas zeigen.
Wirst du hinsehen?

U: Wer bist du überhaupt?

A: Ich bin Andreas.

U: Geh.

A: Nein.

G: „Ah, ja, mach doch.“

H: Uta, Reporterstil.

U: Ja, ja, er erlaubt dir, was zu zeigen.

A: Gustav, sieh aus diesem Raum, die Welt, sie ist sonnendurchflutet, nicht wahr?

G: „Ja.“

A: So viele Menschen, Seelen, überall schimmern sie.

U: Ja, das weiß er.

A: Kinder, Frauen, Männer.

U: Ja, die sind im Himmel, sagt er.
Er weiß, dass es den Himmel für die gibt.
Ja, das weiß er, aber nicht für Höllengeburten wie ihn und den da.

A: Nein, vor Gott seid ihr alle gleich.

U: „Nein.“

A: Doch, fühl dies …

U: Nein.

A: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt sei Dein Name …

U: Das dürfen nur die beten, nicht er.

A: Dein Reich komme …
Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden.

U: „Bei mir?“

A: Auch bei dir.

U: „Für mich?“

A: Für jeden Menschen, Gustav, jede Seele.

U: Er weint, er weint und er weint und weint.
Er weint.

G: „Das ist so schwer.“

A: Gustav …

H: Uta.

A: Raus, raus aus Uta.

H: Uta, Reporterstil.
Raus.

U: Das ist die unglücklichste Seele, die ich je gesehen habe.

A: Gustav, und da ist noch mehr:
Und vergibt uns unsere Schuld …

U: Da wird er rasend, er springt auf, er rast, er schreit.

A: Gott vergibt dir.
Er vergibt mir.

U: Er hasst sich so sehr.
Er ist ganz aufgeregt, mit einem Male, er hält inne, er ist aufgeregt.
Wer hat das gesagt, sagt er, wer hat das gesagt?
Wer war das?
Er hat das vergessen.
Wer hat das gesagt mit dem Vergeben, da war was.
Da war was.

A: Jesus, Gottes Sohn.
Es ist sein Gebet.
Das Gebet der Menschen.

U: Es ist so schwer, im Reporterstil zu bleiben.

H: Es geht nicht anders, Uta.

U: Der ist traurig.

A: Gustav, Seelen trauern, ich fühle sie.
Aber da ist ein Licht.
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern …
Sieh dieses Licht.

U: Ich hab nie einem Schuldiger vergeben, sagt er, nie, nie.
Er wird ganz klein.

A: Gustav, würdest du ihnen gerne vergeben können?
Möchtest du, dass dir vergeben wird?

G: „Ha, ja, ha, ja …“

A: Geh aus Uta.

U: Er will mir nicht weh tun.

A: Ich weiß.
Gustav, sieh dieses Licht, fühl es.
Es durchstrahlt dich.

G: „Es ist da.“

A: Es ist in dir.
Sieh in dich.
Lass Heinz los, sieh in dich.

G: „Da ist was. Das ist nicht schwarz.“

A: Nein, Gott ist in dir und sein ist das Reich …

U: Er spürt es …

A: und die Herrlichkeit, Gustav …

U: Die spürt er jetzt, wirklich aus sich heraus.

A: Siehst du, wie du leuchtest?

G: „Ja.“

A: Siehst du das Licht hinter dir und siehst du deine Familie?

G: „Jaa … die winken.“

A: Sie möchten, dass du zu ihnen gehst.

G: „Ja.“

A: Du kannst, du darfst.

G: „Ich wollte doch niemandem schaden.“

A: das ist so, Gott …

U: ah, er dreht sich um.
Er schaut auf Heinz.

„Das wollte ich nicht“, sagt er „nein, nein, nein, nein … nein, nein, nein, nein, was tu ich den Menschen nur an?“

A: Nicht mehr, Gustav.

G: „ohhh …“

A: Lass los.

G: „Wie kann ich das wieder gut machen? Er ist so ein guter Mensch, der kämpft viel mehr, als ich je gekämpft habe.
Kann ich das wieder gut machen?“

A: Ja.
Gustav?
Hörst du mich?

G: „Ja.“

A: Fühl dies Licht in dir.

G: „Ja, ja.“

A: Greif es.

G: „Jaa …“

A: Geh zu deiner Familie.
Du wirst dann wieder kommen und alles richten können, so wie es richtig wäre.

G: „Das tut mir so leid.“

A: Gott hat dir längst vergeben.

G: „Er darf nie wieder auf mich hören, er darf nie wieder auf mich hören.“

A: Das wird er nicht.

G: „Es ist gar nicht wahr, dass er nicht anders kann. Das hab ich ihm eingeflößt.“

H: Das werden wir ihm sagen.

G: „Es ist auch nicht wahr, dass mit ihm was nicht stimmt. Das hab ich ihm nur eingeflößt.“

H: Uta.

U: Er dreht sich von mir.
Er steht schräg von Heinz entfernt.

H: Heinz.

U: Er sagt ihm „Leb wohl“, er sagt ihm, er hat’s gleich beim ersten Mal, gleich beim ersten Mal gemacht.
Ich denke, er meint damit den ersten Rausch.

Er sagt ihm, es war so leicht, weil er, weil Heinz immer eine Angst in sich hatte, dass mit ihm was nicht stimmen könne.
Es tut ihm so entsetzlich leid, so entsetzlich leid.
Er schämt sich und er hofft, dass Heinz das schafft.
Er hofft, dass Heinz vergisst, was er ihm eingeflößt hat.

Alles Lügen, sagt er, alles Lügen, Lügen, Lügen.

Er sagt, er hat noch niemals bei einer Seele gewohnt, die so gekämpft hat.
Und er sagt, er ist so sicher, dass Heinz die stärkste Seele von allen ist.

Es ist schwer zu ertragen, wie sehr er das alles bereut.
Er möchte so gern einfach nur Frieden haben.

A: Gustav?
Frieden ist im Licht.
Geh denn mit Gottes Segen.

U: Kaufmann, sagt er, falls Heinz sich fragt, wer er war: Berlin, 1885 im März ist er gestorben.
Er hat sich erhängt und er schämt sich, er schämt sich mehr noch für das, was er nach seinem Tod angerichtet hat als vorher.
Und er möchte ihm sagen, dass Heinz der härteste Gegner war, den er je hatte und dass er niemanden so sehr respektiert wie ihn. Und dass er ihn deswegen gehasst hat, weil Heinz ihm immer wieder gezeigt hat, dass es anders gegangen wäre.
Er sagt, er hätte so oft versucht, Heinz in den Staub zu treten, so wie er im Staub gelandet ist.
Er sagt, Heinz größte Waffe war seine Liebe.
Das soll er nicht vergessen.

Er dreht sich um, er sieht seine Familie.
Er ist nicht glücklich, sondern sehr, sehr traurig.
Er dankt noch einmal dir, Andreas, wer immer du sein magst.
„Du bist ein komisches Wesen“, sagt er.

Da ist jetzt eine Tür und ein schmales Brett über einem Abgrund.
Er grinst, sagt:
„Jetzt muss ich sehr nüchtern sein, um darüber zu gehen.“

„Und vergib uns unsere Schuld“, das sagt er jetzt immer wieder und er geht rüber.

Jetzt kommt das Licht ganz.
Sie sind alle da, die ihn lieb hatten.

H: und dann?
Alles klar, Uta?

U: Mhmm, er ist weg.

H: Er ist weg, ok.

U: ist gut.