Herbst

0833: Du bist oft in MEINER Nähe…

 Du bist oft in MEINER Nähe,
jedenfalls dann, wenn du mich einfach lieb hast ohne Trauer.

Wenn du aber immer wieder in deinen Erinnerungen nach Schuld gräbst?
Du, das geht nicht, dann kann ich nicht da sein,
dann ist der Weg für mich zu weit.

Verstorbenenkontakt

Ich bitte meinen Guide, mich mit Harald zu verbinden, seine Frau Karin bittet um diesen Kontakt.
Das Erste, was ich bekomme, ist seine Stimme: Mensch, ist das hier kalt, stell doch mal die Heizung höher!

Und dann steht er neben mir, er lächelt, hält erst die Arme wie frierend um den Körper, dann steckt er beide Hände in die Hosentaschen, beugt sich vor und liest mit.

H: Was ist Guide?

U: Das ist mein Begleiter im Jenseits.

H: Ach so, sag mal, hältst du die Farben so aus? Das kann man doch auch anders einstellen.

U: Ist okay für mich…

H: Hm, finde ich gut!

U: Was?

H: Ja, das hier. Ist `ne gute Sache. Ich war so müde, da hast du einfach keine Lust mehr auf große Worte.

U: Du meinst, als du im Sterben lagst?

H: Na ja, wenn die Luft… mir ging die Puste aus. Aus und fertig, denkt man so…

U: War aber nicht so?

H: Ne, ach was, ist alles anders. Sag ihr, war alles okay so. Die Zeit hab ich für mich gebraucht.

U: Welche Zeit?

H: Ich war so, ich musste so was mit mir selbst ausmachen…

U: Habt ihr nicht viel reden können?

H: Na ja, du versuchst, das so hinzubiegen, so: Das wird schon wieder, mach dir mal keine Sorgen, das stehen wir durch…
Kennt man ja.

U: Hätte es dir was geholfen, wenn ihr mehr übers Sterben geredet hättet?

H: Mehr? Ne, ach was, das bringt doch nichts. Da reden doch sowieso alle von Sachen, die sie nicht verstehen.

U: Du trägst da keinem was nach, versteh ich das richtig?

H: Na ja, die Ärzte: Ich finde, die sollten mehr verstehen. Ist aber nicht so, die sehen die Krankheit, das ist so ihr Blick. Ne, ich mach keinem Vorwürfe, wozu auch?

Pause… Er druckst irgendwie rum, ich hab den Eindruck, dass er nicht so richtig mit „der Sprache“ rauskommt, guckt mich nur an, beobachtet mich, setzt einige Male an, sagt dann doch nichts…

U: Nur Mut!

H: Ich bin nicht ins Licht…

U: Jetzt schon, wie ich sehe…

H: Ja, aber nicht gleich…

U: Warum nicht?

H: Erst, weil ich durcheinander war. Ich dachte, ich träume mal wieder so einen dieser blöden Träume…

U: Kannst du dich erinnern, wann du gemerkt hast, dass du nicht träumst?

H: Als die mich gewaschen haben, da wusste ich es: Ist soweit, mein Sch… körper ist da und wird gewaschen und ich bin hier…

U: Und dann?

H: Ich war einfach wütend! Ich glaub, da ist die ganze Wut explodiert, verstehst du das?

U: Klar, aber warum sagst du das?

H. Weil ich will, dass sie weiß, dass sie sich nicht geirrt hat: Ich war wirklich noch da…

U: Ok, das verstehe ich. Da kann man ja auch wütend sein, wenn man so früh sterben muss…
(Schaut mich wieder lange schweigend an, als ob er Zeit braucht, um eine „gute“ Antwort zu finden.)

H: Ne, das war es nicht. Es war, weil ich gemerkt habe, dass jeder meint, dass er weiß, dass ich nur deshalb gestorben bin, weil wir was falsch gemacht haben, DAS hat mich so wütend gemacht!

U: Mit Wut kommt man schlecht ins Licht, oder doch?

H: Doch, aber ich hätte den ganzen arroganten… (das sag ich jetzt nicht, was ich da verstehe) am liebsten die Meinung gesagt! Die haben doch gar keine Ahnung!

Und was die mit Karin gemacht haben! Da liegt eine Frau sowieso schon am Boden und dann tritt man noch mal so richtig rein!

Sie soll sich das bloß nicht zu Herzen nehmen. Was wissen die denn von uns?
Die wissen GAR NICHTS! Ich habe meine Frau geliebt und alles andere geht nur sie und mich was an, da hat keiner das Recht, zu urteilen.

U: Du bist immer noch wütend?

H: Auf die? Nö! Auf diese Blödheit, mit der Menschen fertiggemacht werden, schon! Darf ich auch!

U: Ja…

H: Was ist jetzt, muss ich jetzt noch irgendwas machen?

U: Ja… Karin: Sie braucht Sicherheit, dass du es wirklich bist.

H: Hm, ich bins, sie weiß das. Sag ihr, ich bin in ihren Gedanken, ich bin immer da. Sie soll aufhören, ein schlechtes Gewissen zu haben.

U: Es wäre gut, wenn du ihr sagst, warum das wichtig für dich ist…

H: Ich fühl mich dann… so hilflos… das ist so sinnlos. Das ist, als wenn im Nachhinein alles, was schön mit uns war, nicht mehr zählt. Sie war MEINE Frau… sie war mein Traum vom Glück… ich hätte nie eine andere gewollt und ich hätte sie nie anders haben dürfen.

U: Was meinst du mit „haben dürfen?“

H: Sie hat meine tiefsten Gefühle „rausgeholt“. Ne, nicht nur, weil sie immer so lieb war, auch weil sie mich rausgefordert hat, das war so wichtig für mich!

U: Verstehe ich das jetzt richtig: Sie und ihre Art haben dir geholfen, dich selbst weiter zu entwickeln?

H: genau! Wäre gut, wenn sie das versteht. Wenn ich jetzt sage, ich bin so dankbar, dann klingt das so… hm… das sagt doch eigentlich gar nichts.

Sie ist mit mir durch dick und dünn, wir haben uns geliebt, wir haben uns gezofft, wir haben uns versucht, zu lösen, wir haben uns nicht gelassen. Mensch, das gehört alles zusammen und ist alles zusammen das Beste, was mir im Leben passieren konnte!

Wenn du so liebst, dann hast du eben manchmal auch das Gefühl, daran zu ersticken, dann willst du wegrennen. Und dann fängst du an, zu verstehen, was Liebe wirklich ist: weil es keinen Weg weg gibt von so einer Liebe…

Sie holt dich immer wieder ein.
Er lächelt… lange Pause… tiefes Luft holen, sehr leise, den Kopf nach unten gehalten, den Blick zu mir: Worte sind nicht genug.

U: Ich verstehe, das strengt dich ziemlich an hier, oder täusche ich mich?

H: Mich? Ne, geht schon, ich schaff das schon.

U: Das hast du immer gesagt, oder?

H: Ne, nicht immer, ich hab auch mal wie ein Baby geheult…

U: Harald, ich würde jetzt gerne deine Persönlichkeit beschreiben, so, wie ich sie verstehe, darf ich das tun?

H: Muss ich da irgendwas machen?

U: Nein. Wenn du mit einer meiner Aussagen nicht einverstanden bist, dann sag es einfach, sonst kannst du dich jetzt ausruhen.

H: Okay.

Harald zieht sich etwas zurück, sitzt da, er trägt Jeans und eine Art Turnschuh, seine langen Beine stellt er weit auf, er spielt mit irgendwas. Er schaut immer wieder zu mir und ich hab den Eindruck, dass er so ein langwieriges Warten nicht gut toleriert…

Ich denke, etwas „machen“, in „Action“ sein, wäre ihm jetzt wirklich lieber.
Ich versuche, zu erkennen, womit er da spielt, es scheint ein Schlüsselanhänger zu sein, aber ich kanns einfach nicht genau zuordnen. Es klimpert, er macht das immer wieder und das macht nervös…

H: Stört das?

U: Ja…

Er steckt den Anhänger ein, was ihn aber wieder unruhiger macht…

U: Nimm ihn halt wieder, aber versuch, mir kein Klimpern zu machen. (Er begehrt kurz auf, mir scheint, dass er solche „Anweisungen“ ganz und gar nicht schätzt, aber er sieht ein, dass es nicht anders geht.)

Ich versuch, mich jetzt auf seine Vita zu konzentrieren. Ich habe von Harald den Eindruck, einen sehr gradlinigen Menschen vor mir zu haben, der sagt, was er denkt. Manchmal zu schnell, manchmal ist erst was ausgesprochen und dann nachgedacht, aber diese Art scheint sich gegen Ende seines Lebens gemildert zu haben.

Harald bemüht sich hier sehr, dieses Reading gelingen zu lassen. Er versucht so sehr, nicht Falsches zu sagen, nicht voreilig etwas „rauszuhauen“, was falsch verstanden werden könnte, dass ich vermute, dass er damit etwas zu vermeiden sucht, was ihn zu Lebzeiten des Öfteren passiert ist.

Dabei ist er überhaupt nicht böse, nur eben mitunter zu schnell, zu weit gegangen und ich hab das Gefühl, dass ihm das wirklich nicht gefallen hat, obwohl eine gewisse Trotzigkeit als Charakterzug nicht zu übersehen ist.

Meiner Ansicht nach aber nicht als Angriff, sondern um seine Seele zu schützen. Ich glaube, dass er zutiefst verletzt werden konnte, besonders dann, wenn man ihm unterstellt hat, nicht fair zu sein. Oder was ich sehr stark fühle: Wenn man ihm vorgeworfen hat, nicht sein Bestes zu geben.

Harald war ein Kämpfer, einer, der sich durchzubeißen hatte. Aber nicht, weil ihm „Kampf“ gefällt, sondern weil es ihm von außen aufgedrückt wurde. Das bezieht sich meinem Empfinden nach (ich mag mich irren) auf alle Lebensbereiche: seine Kindheit und Jugend, sein Berufsleben, seine Freundschaften.

Mir ist, als wäre diesem Menschen nie etwas kampflos geschenkt worden. Das mag ihm zur zweiten Haut geworden sein, aber die Tiefe seiner Seele beschreibt das nicht.

Im Gegenteil, ich spüre hier ein ganz tiefes Verlangen nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Freiheit, so sein zu dürfen, wie er nun einmal ist. Vor allem aber danach, verstanden statt beurteilt zu werden.

Meiner Ansicht nach hat er ein Leben hinter sich, das in der Spannung beider genannten Seiten lag. Irgendwie ständig unter Strom…
Hier macht er einen Einwand und sagt: Nein, nicht wenn ich mit ihr zusammen (lag?) war…

Damit scheint er ganz besondere Momente zu meinen, in denen in eurer Partnerschaft alles Kämpfen und Sorgen eine Pause hatte und ihr zwei wirklich einfach nur BEIEINANDER wart.

Er zeigt mir ein Bild, eine Frau (ich nehme an, Karin, dass sie das sind) liegt in seinem Arm und ist eingeschlafen und er traut sich nicht, sich zu bewegen, obwohl erstens sein Arm eingeschlafen ist und er zweitens eine Zigarette rauchen möchte.

Bei der Zigarette bin ich mir unsicher, da kommt ein Ja und ein Nein. In jedem Fall ein dringendes körperliches Bedürfnis, aus dieser Position herauszugehen.

Aber die Situation ist ihm derart schön, dass er sich nicht rührt, ich glaube, er will mir damit nicht nur sagen, wie sehr er sie geliebt hat, sondern was das Schönste im Leben für ihn war: dass ihm jemand vertraut.

Ich versuche mehr zu seiner Kindheit zu erfahren, aber alles, was ich bekomme, ist, dass es „laut“ zu ging, unruhig, stressig, und ihn selbst empfinde ich auch so. Das ist weit entfernt von Geborgenheit, eher ein Zustand ständiger Überforderung. Ich höre Kinder laut und quengelnd, höre Streit, dann wieder Lachen, emotional geht es rauf und runter.

Ich versuche, die Mutter zu fühlen, aber das Gefühl ist etwas wie: unerreichbar, selbst wenn sie da ist…

Jetzt versuche ich, die Jugend zu verstehen. Alles, was ich bekomme, ist ein Gefühl wie ganz wild, ganz frei, aber auch so losgelöst, dass es sich einsam anfühlt. Wieder gibt es diese merkwürdige Diskrepanz zwischen den inneren Bedürfnissen und den äußeren Gegebenheiten.

Hatte er, als er jung war, Drogenprobleme? Er wirkt seltsam benommen, wie „nicht ganz da“…

Und wieder erlebe ich ihn kämpfend: kämpfend um Anerkennung, beruflich immer kämpfend. Raus kommen aus dem Sch… höre ich.
Hatte er sozial gesehen einen schwierigen Start?

Ich versuche, seine Arbeit zu verstehen, er versucht, passende Bilder oder Assoziationen in mir zu finden, aber entweder es gelingt nicht oder er hat mehrere verschiedene Anläufe gemacht.

Und wieder habe ich das Gefühl, das er sich BEWEISEN musste, dass ihm sein Platz im Leben wirklich nicht zugefallen ist. Ob aus eigenen Versäumnissen oder wegen Schwierigkeiten, Chancen zu bekommen, bleibt mir unklar.

Dabei scheint er aber sehr viel Wert darauf gelegt zu haben, was immer er gearbeitet hat, so zu machen, dass er ein wirklich guter Kollege war, ein Kumpeltyp eben.

Hat er sich für Sport begeistert? Ich erlebe ihn in einer Turnhalle, Männer laufen, atmen schwer, er auch. Ich höre immer wieder einen Ball aufschlagen, sehe das aber nicht, was da gespielt wird…

Dann bekomme ich ein Bild, da scheint er an einem Wasser (See?) entlang zu laufen und es wird ihm ganz plötzlich sehr übel. Aber der will einfach nicht aufgeben, dieses „etwas NICHT schaffen können“ scheint mir für ihn wirklich richtig hart gewesen zu sein.

Kann es sein, dass ihm seine an sich für jeden Betroffenen sehr schwere Krankheit über das Übliche hinaus besonders belastet hat, wenn er wirklich hilflos war? Es fühlt sich für mich so an, als hätte er bis ins Letzte versucht, SELBST zu machen, was immer nur ging.

Das ist natürlich mehr oder weniger bei jedem zu erwarten, aber bei ihm scheint es ein auffälliges Ausmaß angenommen zu haben, Unmögliches doch noch zu versuchen.

Hat er sich viel um finanzielle Dinge gesorgt? Ich bekomme ein Bild von Versicherungsmappen und Ordnern, Kontoauszüge. Das liegt alles übereinander auf einem Tisch und ich spüre die Anspannung, in das Ganze Ordnung zu bringen.

Und dann kippt dieses Gefühl in eine Art Wegschieben, Lachen. Als würde der Versuch gemacht, eine als ernst empfundene Situation wegzulachen: „Alles halb so wild“?

Jetzt führt er mich zu seinem Tod. Es scheint, als wäre da Unfrieden gewesen, in einem Moment, wo es am Wenigsten erwartet wurde. Gab es Auseinandersetzungen wegen Verpflichtungen? Ich versteh nicht, was er mir sagen will…

Hatten sie viel Ärger vor der Beisetzung?

Ich verstehe ihn hier einfach nicht, ich bekomme als Bild eine Beerdigungshalle und dazu immer wieder den Satz: Das war ein weiter Weg, es tut mir leid. Ich hoffe, Sie können verstehen, was er da meint.

Jetzt wenden wir uns beide von der Vergangenheit ab und dem hier und jetzt wieder zu.

Es ist schon sehr beeindruckend, wie viel friedlicher jetzt alles in ihm ist. Wie ruhig und selbstverständlich er sich jetzt erlebt.

Es scheint, als wäre alles Kämpfen um Anerkennung und Vertrauen plötzlich von ihm abgefallen. Freundlich lächelnd sitzt er da…

U: Du hast mir gar nicht zu deinem Vater gezeigt, hat das einen Grund?

H: Ne, das müssen wir jetzt nicht besprechen, gehört hier nicht her.

U: Ok, möchtest du mir noch ein paar Bilder geben?

Er nickt. Das erste Bild ist schwer zu beschreiben: Es ist ein Bett und irgendwie fühle ich, dass es kippt, zusammenbricht und ich höre lautes Lachen.

Dann kommt ein Bild wie auf einer Postkarte: Weißer Strand, blaues Meer, aber darüber scheint sich ein anderes zu schieben. Wie zwei übereinander liegende Dias schiebt sich über den weißen, einsamen Strand einer, an dem sich viele Menschen drängen und statt der Bäume Bettenburgen…

Erst fühle ich eine Mischung aus Ärger und Enttäuschung, aber dann einen so mitreißenden Impuls, das Beste draus zu machen. Vielleicht will er mich so auf einen Aspekt seines Wesens aufmerksam machen, den ich übersehen habe? Mitreißend sein können und Dinge auch mal positiv sehen, eben das Beste sehen…

Jetzt sehe ich ein großes Büro oder Firmengebäude, das scheint mitten in der Stadt zu liegen, es ist sehr, sehr viel Verkehr hier. Wieder hab ich den Eindruck, dass es sich um Versicherungen handelt.

Als nächstes Bild sehe ich einen roten Schminkkoffer, ich versteh nicht, was er mir damit sagen will, er scheint heiter und amüsiert darüber zu sein…

Kann es sein, dass Harald manchmal den Schalk im Nacken hatte und sich gerne auch mal Späße erlaubt hat, die bei weiblichen Personen nicht so gut ankamen?

Jetzt sehe ich ein altes Foto, das scheint ein uraltes Konfirmationsfoto zu sein, ich versuche, Harald zu finden, das gelingt mir aber nicht, dennoch scheint diese Zeit eine große Wichtigkeit gehabt zu haben.

Als Letztes sehe ich durch ein Schaufenster auf Motorräder und ich höre dazu den Song: Born to be wild…

Als Letztes sehe ich eine Art Amtsgebäude, ich denke, es ist ein Rathaus. Lachend geht ein Paar Hand in Hand die wuchtige Treppe hinunter. Es ist dieses Lachen, diese Leichtigkeit, die übertragen wird, bei dem Bild lässt seine Konzentration jetzt sehr nach…

U. Kannst du dich nicht mehr konzentrieren?

H: Ne, okay, eins noch: Was er mir zeigt, sind aus seiner Perspektive sehr hübsche Frauenfüße, die Zehennägel sind rot lackiert und ihn amüsiert das und es rührt ihn auch irgendwie. Ich weiß wirklich nicht, was es damit auf sich hat.

Ganz kurz fange ich noch einen sehr wagen Eindruck auf. Hat ihm irgendjemand was ins Grab gelegt? Irgendwas ist da, aber er kann es einfach nicht in mir finden.

Oder es war nur der Gedanke von jemandem, der ihn lieb hat, das zu tun? Jedenfalls hat ihn das sehr gerührt.

U: Danke, Harald, du hast dir viel Mühe gegeben, darf ich dir jetzt noch die Fragen von Karin stellen?

H: Hm, hm (nickt).

U. Karin fragt, ob es dir gut geht und ob du glücklich bist?

H. Sie soll sich um mich keine Sorgen machen, ich komm schon klar hier! Aber ich mach mir Sorgen! So kann das echt nicht weiter gehen.

Das ist nicht das Ende vom Leben, so alt ist sie schließlich auch nicht! Das ist echt das Letzte, was ich will! dass sie sich so ausschließt.

Das reicht doch wohl, was sie hinter sich hat, jetzt muss sie mal wieder nach vorne sehen. Ist doch so! Jeder verliert mal was im Leben und jeder fällt mal tief, aber dann muss man auch wieder aufstehen und das Beste draus machen.

Ich bin keiner, der sich klammert, solche gibt’s hier auch. Aber ich finde, wir beide sind uns nichts schuldig geblieben. Und das eine lass dir gesagt sein: Ich bin der Letzte, der sich verletzt fühlt, wenn du wieder dein Glück suchst!

U. Karin fragt, ob dich jemand erwartet hat und wer bei dir ist?

H. Ach, das sind so Vorstellungen, das hier ist nicht so was wie ein verlängerter Familienbetrieb.

Wir sind nicht mehr so an das gebunden, was früher war. Aber klar, wenn wir wollen, dann treffen wir, wen wir wollen…

Abgeholt? Ne, ich bin so gegangen, als ich dann damit fertig war, wütend zu sein. Und als ich gesehen habe, du schaffst es ohne mich, das war nicht so leicht.

Zuerst war da ein guter Freund, na ja, und dann kamen so nach und nach alle dazu. Aber stell dir das nicht so vor, als ob das das Wichtigste wäre…

Es ist die Freiheit hier, es ist das… hm… Mensch, wie soll ich dir das beschreiben.
Na ja, egal… du bist einfach da und weißt, das ist das Beste, was passieren konnte.

U: Karin schreibt, sie hat es dir manchmal durch ihre ungelebten Gefühle so schwer gemacht…

H: Ach, du, und wenn du anders gewesen wärst, meinst du, das hätte dann gepasst? Du warst richtig, so, wie du warst und ich auch. Wir haben uns geliebt, so gut wir konnten, mehr geht nicht. So sehe ich das und ich bin dankbar, ich bin wirklich so dankbar.

Ich weiß, dass du jetzt oft daran denkst, was du alles hättest sagen sollen. Ne, du hättest NICHT mit weinen sollen und du hättest nicht deine ganze Hoffnungslosigkeit zeigen dürfen. Ich hab NICHT geglaubt, dass du mich gar nicht richtig liebst!

Aber Angst hatte ich davor IMMER! Dafür kannst du aber nichts, das war meine Angelegenheit, das hatte gar nichts mit dir zu tun.

Aber das versteh ich auch erst heute. Du und ich, wir haben versucht, so gut wie möglich zueinander zu sein, geht da mehr? Ne!

U: Sie schreibt, sie hatte soviel Angst es nicht richtig zu machen, nicht genug zu tun und die richtigen Dinge zu sagen. Kannst du ihr verzeihen.

H: He! Ich bin dir dankbar, ich hab eine Frau gehabt, die mich getragen und ertragen hat… mich! Das muss man sich mal vorstellen (lächelt). Du warst da! Mehr geht nicht und mehr hab ich nicht gebraucht. Alles andere kannst du vergessen. Du warst so ehrlich, wie du konntest, was soll das noch?

Ich bin gerne dein Mann gewesen, aber ich hätte dir gerne viel mehr bieten wollen. Soll ich mich jetzt auch dafür entschuldigen, dass ich das nicht mehr konnte? Na siehst du, dann sind wir uns doch einig: Du und ich wir waren ein verdammt gutes Team!

U. Sie schreibt weiter: Ich empfinde eine tiefe Sehnsucht, mit dir zu reden, um dir zu sagen, dass du mit allen Dingen recht hattest und ich dich endlich verstehe.

H: Machst du doch! Ich versteh dich doch, ich hab auch nicht immer richtig gelegen. Mach mal keinen Helden aus mir, ich hab auch zu oft den einsamen Reiter gespielt.

Mensch, du musst wirklich noch was für dich tun. Du siehst zu sehr auf das, was du nicht richtig gemacht hast, aber das ist doch so: Du hast viel mehr richtig als falsch gemacht.

Du, das gefällt mir nicht. Wo ist denn jetzt dein Stolz? Gib dich doch nicht so auf! Versuch mal, anzunehmen, dass, wenn einer meint, dass er immer alles richtig zu machen hat, etwas total Gefährliches in ihm arbeitet. Wie `ne tickende Zeitbombe, die irgendwann hochgehen muss.

Weil kein Mensch so was hinkriegt, immer alles richtig zu machen. Ich mach mir da echt Sorgen um dich.

Ich könnte mir jetzt auch Vorwürfe machen und mir sagen: Du hast es nicht hingekriegt, der Frau mehr Selbstbewusstsein zu geben, du hättest ihr viel öfter sagen müssen, dass du sie liebst und dass sie eine super Frau ist.

Hab ich nicht, aber wenn ich´s gemacht hätte, hättest du mir geglaubt?

Das ist genau das Problem: Wenn einer dir sagt, was du falsch machst und was nicht ausreicht, das glaubst du.

Mensch, mach da was! Das darf so nicht weitergehen.

U: Gibt es noch irgendwas, was du mir oder jemandem anderen sagen willst?

H: Ich bin nicht gerne gegangen, ich wäre lieber bei euch geblieben. Es ist schwer zu gehen, wenn man das Gefühl hat, das gibt eine Lücke, die füllt keiner mehr auf.

Karin, für uns beide war es ein Albtraum zum Schluss, ich wünsch mir, dass du es wie ich machst und wieder darauf siehst, dass wir uns auch Träume erfüllt haben, die erleben andere niemals.

Und ich wünsch mir, dass ihr mich alle als einen in Erinnerung behaltet, der versucht hat, einen anständigen Kampf zu liefern. Ich hab das nicht für mich allein getan, ich hab das gemacht, weil ich Grund hatte, euch zu lieben.

Das Leben ist kein Wunschkonzert, das ist harte Arbeit und ich war nicht allein. So was Gutes durfte ich haben! Aber ist auch egal, was zählt, ist, so aufrichtig wir möglich zu sein, und sein Ding so zu machen, dass es nicht nur für einen allein gut ist. Ich denke, das hab ich geschafft.

U. Sie fragt, ob du oft in ihrer Nähe bist?

H: Du bist oft in MEINER Nähe (lächelt), jedenfalls dann, wenn du mich einfach lieb hast.

Wenn du aber immer wieder in deinen Erinnerungen nach Schuld gräbst: Du, das geht nicht, dann kann ich nicht da sein, dann ist der Weg für mich zu weit.

Ich bin hier oft in unserer Zeit und ich fühl dich noch mal und ich seh dir zu und ich lache über uns, weil wir so rumgeeiert haben, dabei ist es so leicht, zu sagen: Ich liebe dich so sehr!

Ich genieße es, dass es dich in meinem Leben gab, ich habe Geschenke mitgenommen, dich und die (Jungen, Kleinen?), die nimmt mir nichts auf der Welt jemals wieder weg.

Zuletzt nur soviel: Lasst euch kein schlechtes Gewissen machen, weil ihr nicht alles könnt. Lernt, mit euch selbst zufrieden zu sein, auch mit dem, was noch nicht gut ist, kann ja alles noch werden.

Und wer hinfällt, der darf sich nicht schämen, der muss nur wieder aufstehen, und erst wenn das nicht mehr geht, dann bleibt liegen und dann kommen wir und helfen euch.

So, Tschüss jetzt, macht´s alle gut.

Und, Karin, denk dran: Ich setz drauf, dass du nicht liegen bleibst, dass du für dein Glück kämpfst!

Damit verabschiedet Harald sich von mir…

Ein Teddy steht jetzt noch hier, ich weiß nicht, was der bedeuten soll.

Er kommt noch mal zurück, lächelt, und sagt: Meine Turnschuhe vermisst sie nicht, soviel steht fest.

Und dann ist er endgültig weg.