Sinn des Lebens

0964: Ich verstehe jetzt den Sinn des Lebens.

 

Ich verstehe jetzt den Sinn des Lebens.

Weißt du, was meiner war?

Aufhören, Angst zu haben, was Falsches zu tun!

Ja, Leben sollt ich lernen und lieben und froh sein,

wenns was gibt, über das man froh sein kann.

Ja schau, wie du mir dabei geholfen hast!

Verstorbenenkontakt

Ich bitte meinen Guide, mich mit Virginia – genannt Ginny – zu verbinden, ihr Mann Sven bittet um diesen Kontakt.

Virginia kommt in einem Bademantel gekleidet herein, ich bin sicher: Das ist nicht ihrer.

Der ist viel zu groß, darunter lugt eine Schlafanzughose mit Blümchenmuster hervor und ihre Füße stecken in irgendwas sehr Warmen, Weichen… das seh ich nicht, das fühl ich nur …

Sie sagt: „Guten Morgen!“

Und ich sehe, dass sie jemandem die Zeitung wegnimmt, die der gerade aufgeschlagen vor sich hält …

So schnell, wie diese Szene gekommen ist, ist sie auch schon wieder vorbei, ich denke, es ist eine Frühstücksszene, eine Erinnerung…

Virginia sitzt jetzt vor mir, ganz leger und dennoch wirkt sie sehr damenhaft in Hose und Pullover. Sie schaut mich ein wenig belustigt an, tippt auf Zigaretten, die auf dem Tisch liegen, und seufzt.

Virginia: Na, du hättest schon auch noch schreiben können, dass ich mir das Gesicht eingecremt hatte…

Weißt du: Und SO WAS, das ärgert einen, wenn man lebt! Das ist doch das Verrückte!

Ich freue mich aufs Aufstehen, ich freue mich aufs „Guten Morgen“ sagen, ich freue mich drauf, ihn ein bisschen zu piksen, bis er brummt und dann lacht…

SO hätte ich denken müssen, nicht nur manchmal, jeden Tag halt! Immer!

Ja, so…

Aber das geht ja nicht, nicht, wenn du ein Mensch bist. Weißt, was ich mein?

Uta: Ja, ich weiß schon, was du meinst, denkst du viel darüber nach?

Virginia: Hm, hm (schüttelt den Kopf), nein…

ICH nicht, ER denkt so viel darüber nach (beugt sich ganz an den Tisch und schlägt leicht mit der Hand auf den Tisch).

Deshalb bin ich da, das muss er ändern, wirklich! So geht’s ja nicht weiter…

Wenn man ihn lässt, dann grübelt er sich um den Verstand!

Uta: Du bist sehr engagiert, Virginia.

Virginia: Darfst Ginny sagen (kichert). Die „zauberhafte Ginny“ hab ich so zu hören gekriegt.

Uta: War das nicht eine Fernsehserie?

Virginia: Hm, hm… aber das meine ich jetzt nicht.

Ich war ja nicht seine Erste, aber ich war die Zauberhafte, meint er.

Hast mich gesehen? Hast du gesehen, wie ich ausschauen konnte?!

Das wischt er jetzt weg, aber es ist ja wahr: Ich war doch auch nur eine ganz normale Frau! (Während sie redet, beißt sie manchmal genüsslich in irgendeine Art Praline.)

Virginia: Ja, ich muss mich ja nicht mehr zu dick finden. Jetzt bin ich, wie ich bin. Jetzt ist außen so wie innen…

Du, ich war nie dafür, sich nicht zu sagen, was man denkt, ich wollt Ehrlichkeit.

Und jetzt möchte ich auch ehrlich sein, meinst, das geht? Das ist verkraftbar?

Uta: Du kennst Sven besser als ich…

Virginia: Ja, na ja, es kommt halt drauf an: Ein wenig eitel ist er halt schon gewesen…

Also jedenfalls, was seinen Verstand angeht: Das mocht er nicht, wenn er was nicht verstanden hat.

Aber jetzt muss ich schon sagen, dass er mehr verstehen muss, ist halt so!

Also! Ich bin ja wirklich nicht da, um alles zu richten, was jetzt so verdreht ist, aber so einiges, das möchte ich schon verändert wissen!

Uta: Gut, dann erklärst ihm, wenns so wichtig ist, tu halt so, als wär er da.

Virginia: Schön wars mit dir! Schön wars! Nicht immer, aber meistens.

Ich hab gar nicht gewusst, WAS alles schön war!

Aber jetzt weiß ichs. Und weißt du, was das Allerschönste war? Wir haben aus unserer gemeinsamen Zeit das Beste gemacht, was wir draus machen konnten!

Darüber bin ich heut glücklich.

Das ist so was Seltenes, zurückzuschauen und zu sehen: Da hast Glück gehabt, Ginny, das war ein Glück, dass wir einander lieben durften.

Und das war ein Glück, dass wir einander hatten und nichts versäumt haben, was möglich war!

Aber weißt du, das stimmt nicht, dass ich allein dafür verantwortlich bin: Zu dem Glück gehörten Zwei!

Du auch, hm? Du?

Ich würd ja jetzt gern sagen: Jetzt schau doch nicht so! Jetzt komm her…

Aber das geht eben nicht mehr.

Aber grad darum sag ich: Wir müssen stolz auf uns sein! Wir haben das gut miteinander gemacht! Doch, du mit mir auch!

Ja ich weiß, ich hab es nicht so leiden können, wenn du so wenig Zeit hattest und in Gedanken mehr bei der Arbeit warst als daheim.

Aber das lag ja eben daran, dass ich wie alle Menschen das Gute weniger gesehen hab, als recht war. Doch, doch! Das ist schon so!

Und ich war doch auch nicht anders als du.

Aber wenn wir uns jetzt Gedanken darüber machen, ob wir zu wenig voneinander hatten, dann möchte ich dir sagen: Nein, ganz gewiss nicht.

Es geht doch nicht um die Stunden, die man beieinander ist, sondern darum, wie man die Zeit ausnutzt, die man hat.

Mir hats ja schließlich auch gefallen, wenn wir so schön essen waren oder unsere Ausflüge.

Mir hats ja gefallen, dass es uns so gut ging, ich habs doch genossen.

Und dafür hast du viel durch deinen Einsatz im Beruf beigetragen.

Der Preis war dann eben, dass du in Gedanken mehr da als bei mir warst…

War ich denn anders?

Und so schön war unser Zuhause, du, darüber freu ich mich heut noch!

Wir sind im Leben eben nicht so klug, das ist gar nicht zu erwarten. Das Glück, das sieht man erst, wenns zu Ende ist…

Und du? Eins noch: Nein, du hättest es nicht vorausahnen können, wirklich nicht!

Was du da manchmal denkst!

Ich hab doch das Wunderbarste der Welt erlebt mit dir!

Nie hätt ich mich zu beklagen! Niemals!

Ich hab dich geliebt, wie du warst und auch verstanden, warum du so warst.

Aber weißt du: Jetzt versteh ich noch viel mehr!

Das war doch Liebe, was du getan hast: Liebe zu mir und den anderen.

Schau dich doch um: Wie viele Männer kennst du denn, die so großzügig sind wie du? Ja, siehst du!

Wie viele kennst du denn, die anderen so gern eine Freude bereiten wie du?

Weißt du nicht, wie wunderschön das für mich war, einen Mann zu haben, der sich daran wirklich freut, wenn er mir eine Freude machen kann?

So, und jetzt denk bitte nicht mehr daran, dass du was versäumt hast, nie hast du das getan!

Du hast mir dein Herz anvertraut! Und was das für einen wie dich bedeutet hat, das weiß ich.

Jeden Tag hab ich dich dafür geliebt und das wird ganz gewiss niemals anders sein!

Uta: Danke, Ginny, ich hoffe sehr, dass es deinem Sven hilft, was du sagst.

Er hat dir auch einen Brief geschrieben, aber erst würde ich noch gern beschreiben, wie ich deine Persönlichkeit empfinde, wenn ich das darf?

Ginny: Ja schon, aber ich würd gern noch sagen, dass ich alle herzlich grüße, die mich lieb gehabt haben und dass sie sich auf gar keinen Fall fürchten sollen im Leben, das ist eine riesige… hm… ich mein, das ist ein großer Irrtum.

Wir müssen uns vor gar nichts fürchten, außer dass wir vergessen, dass uns nichts passiert, was nicht sowieso passieren muss.

Aber das ist dann auch nie so schlimm, wie es von außen scheint.

Nicht fürchten! Lebt!

Uta: Das hast du schön gesagt, darf ich dich jetzt beschreiben?

Ginny: Ja, was hast du denn da für einen Tee?

Uta: Ingwer.

Ginny: Ach! Schmeckt bestimmt gut!

Oh ja, entschuldige, ich wollt nicht stören, so ein heißer Tee ist gut, wär für den Sven jetzt auch gut… Ingwer… hm, hm.

Uta: Ginny ist mir hier ein sehr lieber Gast. Es war, als sie hereinkam, als würde dieser trübe Dezembertag ein wenig heller.

In ihrem Wesen liegt so viel Wärme, aber auch etwas so absolut Offenes, Ehrliches, wie ich es nur sehr selten finde.

Dabei wirkt sie sehr, sehr verantwortungsbewusst.

Eine Frau, die weiß, wie das Leben ist: sich nichts vormacht, anderen auch nicht.

Klug, manchmal geradezu strategisch gut, aber ich denke, dass sie nie alles aus sich herausgelassen hat, diszipliniert war durchaus über das gewöhnliche Maß hinaus.

Dahinter mag eine Angst gesteckt haben, Fehler zu machen.

Umso größer ist jetzt ihre Seligkeit, sie erlebt ihr jetziges Sein als wunderbar leicht: Alles darf sein, nichts muss sein.

Einzig ihre Sorge um ihre Liebsten auf Erden setzt ihr zu.

Und da spüre ich wieder diese Löwenkraft in ihr, allerdings ohne jede Aggression. Konnte sie überhaupt richtig ihre Wut rauslassen? Ich spüre davon nichts.

Ich versuche jetzt, ihr Leben chronologisch nachzuspüren.

Sie gibt mir über ihre Kindheit nur wenig Informationen.

Ich bin mir nicht sicher, aber gabs da einen großen Kummer um den Vater?

Und auch die Mutter erlebe ich wie eine nicht zu erreichende Sehnsucht: Jemand, der mal ganz nah ist und dann wieder so weit weg.

Sie will nichts drüber mitteilen, aber es fühlt sich so traurig an.

Irgendwie kommt sie mir in ihrer Kindheit seltsam allein vor: Wie jemand, der in eine Familie geboren ist, in der niemand merkt, wie besonders er ist.

Aber sie findet offensichtlich die Kraft, sich zu arrangieren, findet immer etwas, das schön ist und gut…

Viele Bilder gibt sie mir: Einmal spielt sie mit einem oder zwei älteren Mädchen mit einem Hula-Hoop-Reifen.

Nur sie kann es eben nicht so gut und das ärgert sie so, dass sie es wieder und wieder probiert…

Ich denke, hier zeigt sich ihr sehr sympathischer Dickkopf, vielleicht auch ein gesunder Ehrgeiz so nach dem Motto: Geht nicht gibt’s nicht!

Später zeigt sie mir so viele Bilder von Straßen und Städten, dass ich ganz verwirrt bin.

Und ich schau in eine Wohnung, in der sie als junge Frau aufräumt. Sie räumt die verstreuten Sachen eines Mannes weg.

Das muss eine Beziehung gewesen sein, in der diese innere Einsamkeit der Kindheit wieder hochkam: Sie macht und gibt alles, aber sie bekommt nichts zurück, sie wirkt unendlich müde in dieser Zeit…

Als Nächstes sehe ich eine Geschäftsstraße: kleine, sehr elegante Läden…

Ich sehe sie vor einem solchen Schaufenster stehen, irgendwie gehört Mut für sie dazu, dort hineinzugehen.

Und wieder hilft ihr diese innere Entschlossenheit, dieses Gefühl, siegen zu wollen, koste es, was es wolle.

Sie unterbricht mich.

Ginny: Du lass jetzt, es ist schon gut, du brauchst nichts zu beweisen, er spürt schon, dass es stimmt! Quäl dich nicht!

Ja, und da zeigt sich eben noch so ein Wesensmerkmal bei ihr: diese starke Fähigkeit zum Mitgefühl, dieses wirkliche echte Interesse am Anderen.

Andererseits – denke ich – hat sie sich auch durchzusetzen gewusst.

Und wenn es etwas gab, das selbst sie verärgern konnte, dann, wenn es jemand mit seiner Pflicht nicht so genau nahm.

Hat sie jüngeren Damen irgendetwas beigebracht oder solche angeleitet?

Ich bekomme eine Szene gezeigt, in der sie einer jungen Frau sehr klar und ohne Umschweife die Meinung sagt.

Ich glaube, dass mit der Pflicht im Leben hat sie auch für sich sehr, sehr ernst genommen.

Ginny: Jetzt lass doch das, ich möchte schon noch mit ihm reden, nicht, dass du dann zu müd bist!

Uta: Ja, nur noch eins, Ginny.

Ich habe den Eindruck, Ginny konnte sich einfach an allem freuen, was schön war.

Das konnte etwas Kostbares sein, das konnte aber auch etwas sein, was die Natur verschenkt.

Den Frühling hat sie so sehr geliebt und auch die Weihnachtszeit.

Da hatte sie – glaube ich – manchmal eine recht sentimentale Ader…

Ob sie das aber ausgelebt hat, bezweifele ich.

Ich spüre immer wieder einen ziemlichen Stress in ihrem Leben.

Doch während ich den letzten Satz schreibe, zeigt sie mir ein Meditationsbild: Jemand sitzt in Yogahaltung mitten in einer sehr schönen, einfachen Landschaft und ich höre dazu eine sehr besinnliche Musik.

Musik scheint ein derart interessantes Thema zu sein, dass sie mir, obwohl sie will, dass ich jetzt aufhöre, erst eine ganze Regalreihe voller CDs zeigt und danach zeigt sie mir CDs in einem großen Karton…

Uta: Gut, dann will ich es dabei belassen. Jetzt also der Brief von Sven an dich. Die ersten Zeilen gelten mir, aber falls du dazu etwas sagen möchtest, unterbrich mich bitte…

Liebe Frau Hierke-Sackmann,

wie gestern besprochen, bringe ich hier einige Dinge und Gedanken zu Papier, die mir wichtig sind und die ich auch gerne mit meiner verstorbenen Frau teilen möchte.

Es erhebt natürlich niemals einen Anspruch auf Vollständigkeit, denn sonst säße ich in Jahren noch an der Tastatur.

Warum ich mit Ginny sprechen möchte?

Weil es so schnell und überraschend ging: mitten aus dem Gespräch heraus, mitten aus der Planung für eine weitere kurze Reise, mitten aus dem Tag.

Weil die letzten leisen Worte, die sie zu mir sagte, waren: „Ruf Frau Z. an (ihre Chefin) und sag Bescheid, dass ich morgen den Laden nicht aufsperren kann.“

Und meine letzten Worte waren: „Ich komm nachher nach ins Krankenhaus, bring Dir den Labello und die Nasentropfen mit. Es wird alles gut“.

Ginny: Ach ja, ach Gott, er macht sich Gedanken, fragt sich, ob er nicht hätte bei mir sein müssen!

Ich wär doch nicht gestorben so Hand in Hand mit ihm! Das hätte ich doch nie gekonnt. Das wär mir wie ein Verrat vorgekommen.

Ich wusst auf einmal: Jetzt ist es das, das ist es jetzt, ich geh!

Und da war so eine Ruhe in mir, es war so still und dann war da Musik…

Ich hab nie solche Musik gehört, es war das Schönste, was ich je gehört hab.

Da bin ich rein… es war wunderschön…

So schön, dass ich alles vergessen hab.

Das hätt ich nie gekonnt, wenn er da gewesen wär.

Es ist doch so schwer für ihn, so was verkraftet ja kein Mensch!

Uta: Wusstest du, dass es der richtige Zeitpunkt ist, zu sterben?

Ginny: Ja, das war, als diese Ruhe kam, das wusste ichs.

Ich hätt am liebsten gesagt: Jetzt lasst mich doch!

Aber das ging ja nicht, dich hört doch keiner mehr.

Sven: Ginny, du sollst wissen, dass du im Laufe der zwölf Jahre, vier Monate und 23 Tage der Sinn und Inhalt meines Lebens warst.

Ginny: Ja, und du meiner… das mein ich doch: Wir haben das Beste aus uns gemacht!

Weißt du, es hätt auch sein können, dass ich dich nie getroffen hätte… wirklich!

Ich hab mir das hier ganz genau angeschaut: Da hab ich mich erst erschreckt und dann war ich so glücklich.

Sven: Du warst da, wenn ich Dich brauchte, alleine der Gedanke, wenn ich je Hilfe brauche, dann stehst Du bereit für mich, gab mir ein tiefes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

Ginny: Hm, hm, das weiß ich doch, das weiß ich ja alles, deshalb meld ich mich doch!

Du hast mich nicht verloren, ich bin schon noch da und ich geb alle meine Sorgen um dich weiter.

Hier hast du so viele, die dich lieben und die dich begleiten, mich auch.

Aber der Sinn des Lebens, du, das ist zu viel, das trag ich nicht.

Und du, du musst das auch nicht tragen.

Weißt du, ich versteh jetzt den Sinn des Lebens, weißt du, was meiner war? Aufhören, Angst zu haben, was Falsches zu tun!

Ja, Leben sollt ich lernen und lieben und froh sein, wenns was gibt, über das man froh sein kann.

Ja schau, wie du mir dabei geholfen hast! Da dank ich dir so sehr!

Sven: Das kleine Täfelchen, das Du mir zum letzten Valentinstag mitbrachtest, sagt es in seinem Text im Detail aus. Und dieser Text gilt Buchstabe für Buchstabe vice verso.

Ginny: Ja, weißt du eigentlich, dass unsere Liebe ein Wunder war?

Das ist nicht vorbei…

Unser Wunder ist, dass wir einander die alten Wunden geheilt haben: du mir und ich dir.

Und es macht mich traurig, aber ich verstehs natürlich, dass ausgerechnet ich dir jetzt wieder die alte Wunde aufgerissen hab, weil ich einfach gegangen bin.

Es tut mir so leid!

Als ich meinen Plan fürs Leben festgelegt hab, da war ich eine Seele, die nicht geglaubt hat, dass jemand sie liebt, außer sie gibt ALLES, was sie kann…

Deshalb hab ich mir nichts dabei gedacht, als ich geplant hab, früh zu sterben.

Ich dacht: Alt werden muss nicht sein.

So dumm war meine Seele, aber ich kannte dich doch noch nicht, ich wusste doch nicht, dass ich so geliebt werden kann. Mit dir wär ich so gerne alt geworden, steinalt!

Sven: Ginny, Du warst der erste Mensch in meinem Leben, der nicht versuchte, mich nach seinem Ideal zu formen oder zu verändern. Du hast mich so genommen, wie ich bin und das war sicher nicht immer leicht.

Ginny: Lächelnd: Na, leicht nicht, aber schön…

Weißt du, ich hab mich nie so schön gefühlt wie in dem Moment, als du mich zum ersten Mal geliebt hast.  Du hast wirklich keine Ahnung, was du in mir alles geheilt hast…

Ich hab doch nicht an mich geglaubt, ich hab an das geglaubt, was ich konnte, aber nicht an mich. Es war dieser Blick, so wie du mich angeschaut hast…

Ach, ich dank dir, ich dank dir…

Aber ich hab auch Fehler gemacht! Ich hätt mir von dir viel öfter helfen lassen können, du wolltest ja.

Und wie oft hab ich dann gesagt: Nein lass nur, ich mach das schon!

Das ist eben diese alte Sache in mir gewesen: Dass ich tief innen geglaubt hab, ich werd nur dann geliebt, wenn ich alles mache, was es zu machen gibt…

Schau: Und jetzt, jetzt kann ich gar nichts mehr machen und du liebst mich immer noch!

Weißt du eigentlich, wie sehr mir das hilft?!

Sven: Und eben weil Du es niemals verlangt hast, konnte ich mich im Laufe der Zeit verändern.

Ginny: Na, was heißt verändert, zu dir selbst bist du mehr gekommen… das ist eigentlich kein Verändern.

Das Leben hat dein Ich verändert, wie eingepackt und verschnürt in ein Paket…

Und ich durfts auspacken, das war wunderschön, ganz wunderschön für mich…

Sven: Ich weiß, Du hast mein Tun seit Deinem Tod beobachtet und gesehen, was ich richtig und vor allem, was ich falsch gemacht habe.

Reutlingen war ein Riesenfehler. Du weißt, was ich damit meine.

Ginny: Und meinst du, dass Fehler nicht sein dürfen? Meinst du das? Dann bist ja so dumm, wie ich es war (lächelt).

Wie willst du lernen, ohne Fehler zu machen?

Sven: Aber ich habe es beendet, auch wenn ich damit, was ich so vorher nicht glaubte, jemandem unendlich verletzt habe.

Ginny: Aber da habt ihr beide gelernt, verstehst du? Sie doch auch…

Was hat sie gedacht?

Du warst frisch verwitwet, du hattest sozusagen eine ganz spezielle Art von Liebeskummer…

Wollte sie wirklich nur trösten? Oder wollte sie einen Wettbewerb gewinnen?

Denk einmal darüber nach…

Sven: Allerdings hat sie mich auch am 8. Juli nachts davor bewahrt, eine finale Dummheit zu begehen, denn da war ich an dem Punkt, wo ich Dir folgen wollte.

Ginny: Du mein Liebster, Liebster, Liebster…

Siehst du?

So ist es: Fehler sagen die Menschen und in Wahrheit ist es alles Wirken.

Ich nenn es heut „Gottes Wirken“.

Dass Gott anders und mehr ist, als ich je gehört hatte, das will ich jetzt nicht erklären. Aber es macht alles einen Sinn, ALLES!

Vertrau drauf, bitte…

Sven: Inzwischen weiß ich aus dem Glauben heraus, dass das ohnehin eine Sackgasse gewesen wäre, denn nach einem Suizid hätte ich keine Chance, Dich je wieder zu finden.

Ginny: Schlimmer: Du hättest mich gefunden, aber du hättest mich nur aus der Ferne erlebt. Denn die Aufgabe, die du jetzt hast, die hätte sich nicht verändert: Lernen, dass es so viele Formen von Liebe gibt.

Auch eine, die bedeutet, dass man umeinander weiß, aber einander nicht hat.

Sven: Und Du weißt auch, dass 2010 in Reutlingen nichts passiert ist. Es ist mir sehr wichtig, das hier noch mal zu betonen.

Ginny: Ach, jetzt lass doch das! Als würd das für mich noch eine Rolle spielen, darum geht’s doch gar nicht. Dass du wieder das Leben liebst, darum geht’s mir heute!

Sven: Du weißt auch von Andrea. Ob das richtig ist oder falsch, da bin ich mir nicht sicher.

Ich bin gerne mit ihr zusammen, aber ich bin auch immer froh, wenn die gemeinsamen Wochenenden dann rum sind und ich wieder für mich alleine bleibe.

Vielleicht kommt das nur aus meiner absoluten Unfähigkeit, dauerhaft alleine zu sein. Annelie hat das mehrfach sehr richtig festgestellt und von ihr habe ich das schließlich auch angenommen und akzeptiert.

Kunststück, Annelie ist meine Tochter und wir sind uns in unserem Inneren auf bestimmter Ebene ähnlich fast wie Zwillinge.

Ginny: Weißt du, Liebe ist, wenn beide geben und nehmen! Mehr möchte ich dazu jetzt nicht sagen.

Sven: Wie es mit mir jetzt alles weitergeht, ist mir völlig unklar.

Du weißt, dass Peter mich gefeuert hat, weil seit Deinem Tod einerseits mein Engagement nachgelassen hatte, andererseits stelle ich eine zunehmende Aggressivität an mir fest, wenn mir jemand Unsinn verkaufen will oder beratungsresistent ist.

Wir haben uns deswegen einige Male schwer gezofft. Peter meinte schon vier Wochen nach Deinem Tod, es muss sich doch allmählich bessern mit der Trauer und ich soll mich ganz in die Arbeit stürzen, dann vergesse ich das schon.

Wie ein intelligenter Mensch solchen Schwachsinn reden kann!

Ginny: Wenn ein intelligenter Mensch einen Verlust sieht für sich selbst, dann sagt er so was, damits nicht zum befürchteten Verlust kommt, das ist eiskalt…

Aber es ist auch das, was du wolltest.

Du wolltest, dass er dich raussetzt! Du hast dich doch nur noch zur Arbeit gequält und dann ist das passiert, was ihr beide innerlich gewollt habt.

Er wollte deine Trauer nicht mehr sehen, weils ihm Angst gemacht hat, dass man so tief fühlen kann. Und du wolltest endlich in Ruhe damit sein, ein trauriger Mensch zu sein.

Jetzt musst du dich schon ein wenig anstrengen und reinspüren, was du wirklich jetzt willst und was nicht. Und dazu musst du ehrlich zu dir sein, sonst wird’s nichts.

Sven: Was ich mir wünsche für die Zukunft?

Zum einen meinen persönlichen Frieden, ob mit einer neuen Frau an meiner Seite oder alleine, ist mir da im Grunde egal.

Ginny: Weil du erschöpft bist, denkst du so. Du bist so erschöpft!

Das tut mir so leid… ach ja.

Sieh es einmal so: Frieden, den kannst du nur mit dir selbst machen…

Ich versuch ja grad, dir dabei zu helfen.

Aber das bedeutet, du müsstest Frieden mit dem Leben machen, so, wie es ist.

Das ist wohl noch recht schwer für dich, du siehst ja den Sinn nicht.

Den seh ich, da hab ichs so viel leichter als du.

Aber was die Frau angeht: Solangs nur um irgendeine Frau geht, müsstest du eine haben, die damit zufrieden wäre, IRGENDEINE zu sein in deinem Leben.

Wenn sie es wäre, würde sie zu viel Geben und du zu viel nehmen…

Solang du nicht lieben willst, solltest du auch keine Liebe nehmen…

Es hätte keinen Sinn, für niemanden.

Sven: Zum anderen vielleicht eine Erleuchtung, was ich für die nächsten 11 Jahre bis zur Rente oder drüber hinaus vielleicht Sinnvolles tun kann, ich meine das aus beruflicher Sicht.

Ginny: Eine Erleuchtung? Na ja, ich glaub eher, es wär gut, wenn du einen guten Bilanzierer hast. Da kannst später die Uta fragen, was ich mein, wir zwei schreiben eh schon viel zu lang.

Sven: Seit dem 24.06. hat sich mein Denken und Wünschen grundlegend geändert. Zwar kann ich nicht viel Anderes als verkaufen und Mitarbeiter führen und coachen. Aber es kann doch nicht der Sinn sein, stets von einem Quartalsziel zum nächsten zu hecheln und den Druck auszuhalten.

Aber zu sehen, wie plötzlich es geschehen kann und was dann noch bleibt, das hat meine Sicht der Dinge und vor allem meine Prioritäten grundlegend verändert.

Es muss doch etwas geben, womit ich ausreichend verdiene, um leben zu können und was dabei auch noch Sinn und Spaß macht?

Ginny: Ja, das gibt’s bestimmt, aber es geht um deine Zukunft! Nicht nur bis zur Rente!

Du, tu da was, du drehst dich im Kreis!

Da lass dir jetzt aber mal helfen. Alles kann ich da auch nicht richten…

Du willst dich begeistern können und ich wünsch dir das auch so sehr!

Das ist nämlich Leben!

Aber mit Wünschen allein ist es nicht getan.

Du musst genau hinschaun, du musst das Paketband abmachen und reinschauen, was drin ist im Herrn Sven.

Sven: Übrigens habe ich, Du weißt das wahrscheinlich, im Juli meinen BMW verkauft und fahre seitdem Deinen alten Punto. Und es ist gut so, denn Du hingst an dem alten Auto.

Ginny: Ja, ich weiß, du bist halt doch ein Romantiker, gibs zu!

Sven: Als ich Dich etwa Mitte Oktober, nach dem letzten Telefonat mit Reutlingen anflehte: „Ginny, bitte hilf mir!“, warst Du da wirklich bei mir im Auto und hast mich nachts zum Tegernsee begleitet und auf mich, der ich völlig verwirrt war, beschützt und dabei auch mit mir gesprochen?“

Ginny: Ja, und ich wär froh, wenn du mich auch verstehen könntest, wenn du nicht grad völlig aus den Fugen geraten bist…

Aber das lässt sich vielleicht später auch noch machen.

Ich hab dir gesagt: So findest du mich nicht…

Ja, siehst du, dann findest du mich anders…

Sven: Darüber hinaus, Frau Hierke-Sackmann, interessiert es mich natürlich, ob Ginny ihren Glauben gefunden hat und das Licht annimmt, wie es ihr geht und – ob sie auf mich wartet?

Ginny lächelnd: Jetzt bin ich ja nicht die Frau Hierke-Sackmann, aber ich sag dir: Meinen Glauben… ja…

Nein, eigentlich ist es kein Glauben. Es ist einfach alles so, wie man es immer gewusst hat, nur eben vergessen hat…

Es ist schon komisch, aber es ist, als ob man aufhört, zu träumen! Man steht auf und denkt sich: was für ein seltsamer Traum…

Ich war so erstaunt, als ich gemerkt habe, über wie viel man sich täuscht, wie viele Leben einfach gelebt werden, ohne dass irgendwas gelernt wurde…

Und ich hab mich gewundert, wie selbstverständlich hier die Wahrheit ist, wie klar alles wird…

Aber ich hab auch gelernt, dass jeder Tag im Körper kostbar ist. Dass es darum geht, die Zeit zu nutzen.

Das Licht, das ist ganz leicht, ganz selbstverständlich für alle, die Liebe annehmen können, ist es so leicht.

Du hast das mit deiner Liebe zu mir vorbereitet, dass ich das so leicht konnte…

Ach, wenn ich wüsst, wie ich dir danken soll…

Sven: Ansonsten weiß ich, dass Ginny (sie hat übrigens auch einen Kosenamen, den ich überwiegend verwendet habe), mir einiges mitteilen möchte.

DAS IST FÜR MICH DER WICHTIGSTE TEIL.

Uta: Den hat die Frau Hierke-Sackmann nicht im Kopf, das klingt nach Spatzerl. Schatzerlmausi ist ihr dann auch zu dumm…

Ginny: Schatz, ich hab dir viel gesagt, soviel ich konnt.

Was ich fürchte, ist, dass du die Dinge laufen lässt…

Dass du so wütend auf das Leben bist, dass du gar nichts mehr wirklich finden willst, was dich begeistert…

Du redest davon, aber du tust nichts, ums zu finden. Das macht mir Sorge…

Ein neues Leben anfangen…

Ja, das sagt sich so leicht, aber dazu musst du das alte wie einen sicheren Boden unter deinen Füßen haben und soweit bist du noch nicht. Darum müsstest du kämpfen!

Hilft es dir, wenn ich dich bitte, darum zu kämpfen?

Hilft es dir, wenn ich sag: Tus für mich? Für meinen Frieden?

Sven: Bitte geben sie ihr weiter, dass ich keinerlei Selbstmordgedanken mehr verfolge, dass ich mein Leben soweit im Griff habe wieder und mich darauf verlasse und freue, sie wieder zu sehen.

Ginny: Ach, im Griff nennst du das? Jeder Tag wird vom Aufstehen bis zum Schlafengehen abgelebt…

Aber lebst du? Freust du dich aufs Aufstehen?

Bist du zufrieden müde beim Einschlafen?

Du sitzt deine Zeit ab und das ist nicht gut, das ist gar nicht gut!

Und du hast mit mir etwas so Wunderschönes, was zu dir gehört, mitsterben lassen: Deine Art, das Leben zu lieben…

Du bist gleichgültig geworden, glaub nicht, ich merk das nicht.

Du hast aufgehört, zu lieben, und das macht mir richtig Angst…

Mein Tod ist dafür verantwortlicher Auslöser und das ist wirklich kaum zu ertragen für mich!

Hilf mir bitte noch ein letztes Mal: Such dich…

Sven: Aber dieser Tag ist noch nicht jetzt.

Ginny: Nein, der ist nicht jetzt, das darf nicht nur nicht sein, Sven!

Dein Leben hat einen Sinn, nicht nur für dich!

Und jetzt würd ich dir gern sagen: Gut Nacht, schlaf schön, aber ich kann dir nur sagen:

Ich hab immer meine Liebe zu dir da und du wirst immer deine zu mir haben!

Aber das Leben hat für dich da und für mich hier noch so viel Liebe bereit, nehmen wollen musst du es aber! Bitte, bitte nimms.

Es kann nie wieder so sein, wie es mit uns war, aber anders schön kanns doch sein, warum denn eigentlich nicht?

In ewiger Liebe

dein Weiberl Ginny.